Skew Siskin — Berlin statt Los Angeles





Auf dem Klingelschild steht Monongo, das ist der Name der hauseigenen Plattenfirma der Band Skew Siskin. Ich drücke auf die Klingel. Man hört leise etwas trapsen und dann öffnet Jim Voxx, seines Zeichens Gitarrist und Komponist, die schwere Metalltüre. Vor mir liegt ein verdammt langer, hoher und breiter Flur mit der Atmosphäre eines Rockmuseums. Jim führt mich in die Küche am Ende des Flurs.

„Auch‘n Kaffee?“ ‒ „Joa, gerne“ ‒ Schnell wird mir klar: Ein richtiges Interview wird das hier nicht, mehr so ein Quatschen über Gott und die Welt. Nina C. Alice, Sängerin der Band, gesellt sich noch zu uns, und dann geht es auch schon los.

Wer Skew Siskin nicht kennt, der hat echt was verpasst! Die Band machten Anfang der 90er auf sich aufmerksam, nicht zuletzt durch lobende Worte von Altmeister Lemmy! Schnell sind wir bei der Geschichte, wie Motörheads Bassmeister und Skew Siskin sich kennenlernten. In der Zusammenfassung war das ungefähr so:

Alles fing damit an, dass Lemmy 1992 bei einem Radiosender war, um Motörhead zu promoten und auch Skew Siskin gespielt wurde. Lemmy fragte den DJ: „Wer ist das?“ und „Kann ich die CD haben?“.


Das erste Mal liefen man sich bei einer Musikmesse in L.A. über den Weg: „Freie Brust, Shorts, Badelatschen, Patronengurt“, beschreibt Jim das Erscheinungsbild des berühmten Motörhead-Frontmann. Den richtigen Kontakt gab es damals aber noch nicht, der kam erst später im selben Jahr mit einem offiziellem Schreiben vom Management Motörheads an das Management von Skew Siskin mit der Anfrage, ob die Band im Herbst 1992 zusammen mit Motörhead in Deutschland touren wollen würde.

Zu der Tour kam es dann leider nicht, dafür aber zu einem persönlichen Treffen, welches 1993 ebenfalls über die Anwälte angefragt wurde. Die Siskins holten Lemmy vom Hotel in Berlin ab und nahmen ihn mit in ihr Studio, wo sie gerade mit dem Song „Before“ beschäftigt waren. Es wurde sich gegenseitig ein wenig beschnuppert. Nina, Jim und Lemmy fanden schnell ihren Draht zueinander, sodass Lemmy zu dem fast fertigen Song den Basspart einspielte und die Lyrics mit Nina vervollständigte.

Am Ende der Session sagte Lemmy: „Ich habe ein Geschenk für euch“ und das war der Song „Born To Raise Hell“, den er für Skew Siskin geschrieben hatte.

Es gab einzelne gemeinsame Gigs. 1998 kam es dann auch endlich zur ersten großen gemeinsamen Tour.


Im Dezember 2016 gab es ja ein Lemmy-Tribute im „White Trash“ in Berlin, wo ihr beide drin verwickelt wart.

Jim: Es gab ursprünglich eine Anfrage für Skew Siskin, aber Nina war lange krank und noch nicht wieder fit. Noch ehe die Promotion vom Radiosender StarFM anrollte, meldete sich Danny B. Harvey (Headcat/Lonesome Spurs/The Rockats) bei mir und sagte: „Lemmy-Tribute! I wanna be involved!“

Also fragte ich: „Wie wär‘s denn mit Headcat? Falls ihr einen Bassisten habt, gerne!“.

Und dafür war Lemmys Sohn geplant, der hatte aber Probleme, so schnell ein neues Visum zu bekommen. Daraufhin schlug Nina vor, das Headcat-Line-Up für diese besondere Show mit ihr und Jim zu vervollständigen. Slim Jim Phantom (The Stray Cats/Headcat) und Danny waren auch schnell dafür zu begeistern, StarFM war auch dabei und die Sache stand.


Und so begab es sich, dass Jim Voxx, der die Spielweise von Lemmy aus dem Studio kannte, selbst zum Bass griff und sich gleich eine Sehnenscheidenentzündung im Handgelenk zuzog. Aber mit ein paar speziellen Übungen wurde diese gemeistert. So wurde das Ganze zu einem Headcat-Gig, der innerhalb von 14 Tagen ausverkauft war! 800 Leute und Superstimmung, obwohl es kein typisches Skew Siskin-Publikum war. So kann es gehen!


Ihr habt ja eure eigene Plattenfirma Monongo im Jahr 2007 gegründet, um euer sechstes Studioalbum Peace Breaker aufzunehmen. Wie kam es denn dazu?

Nina: Es war 2007, wir waren am Rumsuchen nach einer Plattenfirma und eine größere Tour stand an. Andererseits hatten wir es aber eigentlich satt, mal wieder von irgendeiner Plattenfirma beschissen zu werden! Naja, die Zeit war knapp und so entschlossen wir uns dazu, selbst zu releasen. Das ist auch eine Sache, die ich jeder Band nur raten kann, wenn alles zusammen ist! Musiker, Songs und eine Ahnung, wie das Album aussehen soll: Macht den Release selbst!

Jim: Nina kümmert sich zusätzlich zur Musik auch um den ganzen Office-Kram, wie

Promotion und Business und ich habe das Studio. Im Moment arbeiten wir unter anderem am neuen Skew-Siskin-Album.


Habt ihr nur „Peace Breaker“ veröffentlicht oder auch noch andere Bands unter Vertrag?

Jim: Nein, Peace Breaker ist der einzige Release bis jetzt. Es ist ja auch eine Menge Arbeit, die in einem Label anfällt! Du musst dich mit Businesstypen auseinandersetzen. Die haben auf Musiker meistens gar keinen Bock. Du musst dich um die Nachpressungen kümmern, du musst mit den Fans Kontakt halten, jede Menge Arbeit ...


Wie kam es eigentlich zur Bandgründung?

Jim: Zuerst gab es nur Nina und mich. Sie hat früher in Punkbands gespielt, ich habe früher in Punkbands gespielt. In den 80ern habe ich in New York gelebt und war glücklich dort. Da ich in der Musikerszene rumgehangen und mit Leuten von MC5, Iggy Pop und Patty Smith Musik gemacht habe, war mir damals klar, dass wenn ich eine Band gründe, dann hier in USA.

Nina fragte mal an wegen Band gründen – sie hatte immer nur Sumpfnasen am Start und kam nicht weiter. Meine erste Reaktion war „Oh nee ey“, denn ich wollte wieder zurück nach New York. Aber dann habe ich gesehen, wie ernst es ihr war. Ein Jahr später hab ich dann nachgegeben. Wir haben erst mal rumprobiert.

Nina: Ich musste mich anfangs erst mal orten: Was kann ich, was will ich, was kann ich von dem was ich will …

Am 1.4.1990 haben wir unseren ersten Gig gespielt ‒ Ein Aprilscherz.

Jim: Es waren fast nur Musiker da. Ich hab mich umgeschaut und sah nur bekannte Gesichter. Ich hab sogar mal eine Videoaufzeichnung davon angesehen. War eine geile Show!


Warum also Berlin und nicht L.A. oder irgendeine andere Stadt in den USA, wie ursprünglich geplant?

Nina: In L.A. musst du Geld haben. Und du brauchst ein (geschütztes) Umfeld. So wie Ozzy [Osbourne] zum Beispiel.

Jim: Wir waren mal in Santa Monica am Strand. Sofort hieß es: „Ih, guck mal Vampire“, weil wir so blass sind und schwarz gekleidet.

Nina: In Amiland ist das auch alles ein bisschen anders. „Wie geht‘s dir“ ‒ „Komm wir gehen zum Spa“‒ Dieser ständige Beauty/Wellness-Wahn ist nichts für mich.

Jim: Naja, wir sind ja auch in Berlin und London aufgewachsen.

Nina: Ich bin in Berlin in der Punkzeit aufgewachsen.



Hattet ihr von Anfang an euren Sou-nd oder wart ihr erst mal am Jammen?

Jim: Wir haben uns erst mal ein Dreivierteljahr jeden Abend im Proberaum getroffen, geredet, Musik gehört, Musik gemacht und uns nicht darum gekümmert, welche Musik draußen in der Welt angesagt war.



Wo liegen eure musikalischen Einflüsse bzw. was sind eure Lieblingsbands?

Nina: AC/DC, Motörhead, Thin Lizzy, James Brown, Janis Joplin und Aerosmith natürlich.

Jim: MC5, The Who, später auch Motörhead – aber dass war wesentlich später –, Little Richard, Sex Pistols, Jimmy Hendrix, ist ja klar als Gitarrist. Ein bisschen Led Zeppelin vielleicht noch.

Nina: Mit elf Jahren habe ich Sex Pistols, David Bowie und Plastic Bertrand gehört. Bei Neuem: Megadeth, Metallica, Mando Diao, Casabian. Ich steh halt auch auf Britpop.

Jim: Was mich überhaupt nicht antörnt sind ProTools-Bands!

Und bei neueren Bands: Slayer, All Hell – bei denen bricht wirklich die Hölle aus, wenn die anfangen, das war das Ding –, Guns‘n‘Roses, Metallica, Megadeth.


Nina: Was sind denn deine Top 5?

Bei Deathmetal Cryptopsy mit Mike Dislvo am Mic, bei Crossover M.O.D. und PC Deathsquad, bei Thrash Anthrax und Slayer, bei NWOBHM Iron Maiden, die ja als Punk eingestuft waren, True und Heavy Metal Manowar, die sind so catchy ;) … und bei dreckigem Rock‘n‘Roll, ganz klar Motörhead. Aber ich hör ja nicht nur Metal.

Nina: Na los, jetzt oute Dich mal! Was hörst du denn noch für Musik?

Ja Hip Hop aus den 80ern, und manchmal auch Pop, aber eben nicht alles…

Nina: Was denn da genau so im Hip Hop?

Beastie Boys, Run DMC, LL Cool J, welcher auch viel mit Metalriffs gearbeitet hat. Da gab es eine Nummer, ich glaube „Dope Beat“, wo auf „Back In Black“ von AC/DC gerappt wurde.

Nina: Ja, Beastie Boys sind geil! Und was hörst du bei Pop?

Ja, jetzt muss ich mich wirklich outen: Lana Del Rey

Nina: Ja, die ist strange. Die lebt voll in so einem Sixties/Seventies-Film, in so einer Hippiewelt.

Jim: Wenn man es genau nimmt, wurden sämtliche neue Musikrichtungen zwischen 67 und 72 erfunden. Jeden Hip-Hop-Groove findest du bei Jimmy Hendrix. Punk war nochmal ganz erfrischend und Lemmy hat alles zusammengenommen und doppelt so schnell gemacht.



Tja, Unkraut vergeht nicht und im Moment geht auch nichts hipper als Berlin! Danke für das Interview!




Skew Siskin © Band Promo



skewsiskin.net

rl

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